skip to content

Wann immer ich gefragt werde, was ich beruflich mache und ich antworte dann wahrheitsgemäß, ich schreibe, ernte ich zunächst skeptische Blicke, in der Regel gefolgt von denselben Fragen, die ich hier deswegen gerne einfach mal beantworten möchte:
 

Kann man denn davon leben?

 

Woher nimmst du denn die ganzen Ideen?

 

Und wie sieht bei dir so ein normaler Arbeitstag aus?

 

Könntest Du aus meinem Leben auch mal einen Roman/Film machen?

 

Wie bist du überhaupt auf die völlig hirnrissige Idee gekommen, zu schreiben?

 

Was ist denn leichter, schöner, besser, ein Drehbuch oder einen Roman zu schreiben?

Ein normaler Arbeitstag zeichnet sich bei mir in erster Linie darin aus, dass er nicht normal ist. Ein perfekter Arbeitstag würde damit beginnen, dass ich pünktlich aufstehe, mir einen Milchkaffee und ein Nutellabrot mache und dabei in Ruhe die Zeitung lese, auf der Suche nach neuer Inspiration, wenn die Kinder noch schlafen. Dann, nachdem alle versorgt sind, checke ich meine E-Mails, die allesamt positiv und erfreulich sind, arbeite bis zur Mittagspause konzentriert an meinem neuen Roman/Drehbuch. Lasse mittags bei einem billigen Businesslunch in einem netten Ehrenfelder Café meine Gedanken schweifen und beim anschließenden Milchkaffee die gerade geschriebenen Zeilen Revue passieren. Setze mich nachmittags für ein paar weitere Stunden ungestört an den Computer. Führe ein paar Telefonate und verbringe den Rest des Tages mit meiner Familie. 


In der Realität werde ich morgens, nachdem ich viel zu spät aufgestanden bin, beim Zeitunglesen und Kaffeetrinken von meiner jüngeren Tochter mit dem Wasserblitzer aus Mia and Me nass gespritzt, während die ältere Wörter wie Brexit, Grexit oder Währungsreform aus der Zeitung erklärt haben will. Noch während ich feststelle, dass ich das auch erklärt haben will, klingelt das Telefon, ein Producer will das Exposé zu der neuen Serienidee heute Mittag bei der Redaktion einreichen, dafür muss aber aus dem Mann noch schnell eine Frau (wegen der Zielgruppe), dem Serienkonzept doch eher ein TV-Movie (wegen dem Sendeplatz) und überhaupt dem Drama eher eine Komödie (wegen der allgemeinen Krisenlage in der Welt) gemacht werden. Als ich dann später gestresst meine E-Mails checke, beginnt eine mit „das hat schon viel Gutes“ oder „es hat einen riesigen Schritt nach vorne gemacht“, deswegen lese ich sie lieber nicht weiter, weil es bedeutet, dass das Drehbuch komplett neu geschrieben werden muss. Während ich also das Exposé überarbeite, klingelt das Telefon. Die Person am anderen Ende beginnt mit den Worten „Das Buch hat uns allen richtig gut gefallen“, und ich höre daraus nach jahrelanger Übung nur das große ‚Aber’, das zwangsläufig folgen wird. Sie wollen uns morgen für eine kurze Besprechung einfliegen lassen, damit wir übermorgen die neue Fassung abgeben können. Mit einer Stunde Verspätung gebe ich das Exposé ab, der Mann ist jetzt eine Frau, das Drama eine Komödie. Die Mittagspause fällt flach, weil ich die Mail des Produzenten nun doch gelesen habe. Das Wort „Rewrite“ (man spricht Businessenglish) schwebt wie eine Regenwolke über mir, ich halte eine Krisensitzung mit meinen Kolleginnen ab. Dann erinnere ich mich erschrocken daran, dass ja auch noch die Druckfahnen des neuen Romans in der Schublade auf mich warten. Doch während ich die ersten Seiten lese, höre ich an der Tür schon die Stimme meiner älteren Tochter, die mir zuruft, dass sie morgen eine Mathearbeit schreibt und ich ihr das mit der schriftlichen Division noch schnell erklären muss. Die Kleine muss abgeholt werden und gewinnt beim anschließenden Memory, Kniffel und Siedler mit Leichtigkeit gegen mich, weil ich davon abgelenkt werde, mir mentale Notizen für meinen Roman zu machen, die ich abends, wenn die Kinder schlafen, in den Computer hacke. Und dann träume ich mal wieder von einem ganz normalen Arbeitstag.